Dutzende Tüten sind in dem blauen Jeep verstaut. Nahrungsmittel für die nächsten Tage. Marianne und Harald Lusche sind Deutsche, die jetzt nun schon fast sieben Jahre in Kairo leben. Alle paar Wochen kaufen sie im Supermarkt ein und bringen die Waren in ein Mädchen-Waisenhaus. Wir nutzen die Zeit zum Freitagsgebet. Die Straßen sind fast leer, abgesehen von einigen, auf denen Muslime ihre Teppiche ausgerollt haben. Bald wird der Muezzin rufen, spätestens dann konzentriert sich der Großteil der Stadt auf Allah.
Mitten auf der Straße ist ein riesiges Baustellenloch. Kommen wir da vorbei? Es ruckelt, einige der Einkaufstüten kippen um. Typisch Kairo. Vorsichtig fährt der Jeep daran vorbei, wir biegen in eine Seitenstraße ein. Am Waisenhaus angekommen, stürmen die Mädchen herunter, räumen innerhalb weniger Minuten die Einkäufe aus dem Auto.
Wir treffen Schwester Mary. Sie ist ein bisschen schüchtern, will sich nicht von mir fotografieren lassen. Aber sie erzählt von ihrer Arbeit, spricht besser Französisch als Englisch, und berichtet von den 82 Mädchen, die bei ihr im Haus wohnen. Sie ist die einzige Nonne, die dort arbeitet. Bis zu ihrer Hochzeit leben die Mädchen hier, dieses Jahr werden vier heiraten. Ihre Augen leuchten, wenn sie spricht. Der Deckenventilator wackelt, durchs offene Fenster ruft der Muezzin.
Sie hat Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Ägypten. Dass ihre Erziehung sich in die neu gegründeten Familien weiterträgt. Und das wird sie. Eines ihrer Mädchen ist gerade zu Besuch, Schwester Mary hält ihr kleines Kind auf dem Arm. Es ist ja praktisch Marys Enkel. Die Mädchen geben weiter, was die Schwester ihnen beibringt.
Wir trinken den süßen Kaffee aus, fahren zurück nach Zamalek, plaudern noch in einem Café über die Revolution, das Land und vor allem über das, was aus ihm wird. Im Hotel mache ich kurz Siesta, werde von lautem Geschrei wieder aufgeschreckt. Neugierig wie ich bin, sehe ich aus dem Fenster auf die sechs Stockwerke tiefer gelegene Straße herab. Anscheinend irgendein kleinerer Autocrash. Kein Wunder, bei dem chaotischen Verkehr. Männer streiten laut auf Arabisch. Die Verkehrspolizei steht daneben, irgendwie hilflos. Ein paar Minuten und unzählige Flüche später löst sich der Tumult auf.
Ich beschließe zu Fuß durch meinen Stadtteil zu laufen, Taxis hupen mich an, aber ich winke ab. Wenig später nehme ich doch eines und lasse mich nach Downtown fahren. Der Fahrer spricht kein Englisch, ich erkläre stattdessen seinem Bruder per Telefon, wo ich hinwill. Irgendwohin, wo man in Läden bummeln kann. Für einen Pfund pro Kilometer kurvt mich der Fahrer durch den Freitagsverkehr. Er hält kurz an, holt uns beiden eine Pepsi.
Mein Gefühl sagt mir, wir sind schon zehnmal an Downtown vorbei. Er lässt mich bei einer riesigen Shopping Mall raus. Ich weiß zwar nicht, wo die ist, aber sie sieht gut aus. Die Rechnung sagt, wir sind 21 Kilometer weit gefahren. Ich gebe ihm 30 Pfund, verspreche, ihn anzurufen, wenn er mich wieder zurückbringen soll.
Doch stattdessen suche ich mir einen neuen Fahrer. Ich steige in eine alte Klapperkiste ein, denke noch „Warum eigentlich nicht?“. Dass der Mann mit Oberlippenbart alle paar Hundert Meter aussteigt (selbstverständlich mitten auf der Straße) und an seiner Motorhaube rumspielt, beunruhigt mich etwas. Er soll mich zum Tahrir Square bringen. Das ist der Platz, an dem die Revolution am 25. Januar angefangen hat. Er versteht kein Englisch. Ich lässt mich irgendwo dort in der Gegend raus, verlangt einen Horror-Preis und verschwindet.
Warum bringt er mich nicht direkt zum Platz? Auf der Straße begegne ich einem Ägypter, der in Spanien studiert und mich herzlich begrüßt. Ich werde misstrauisch, er merkt das und sagt „No, no Money, no Bakschisch“. Er will kein Geld, zeigt mir aber wo der Tahrir Square ist. Es sei aber keine gute Idee, da jetzt hinzugehen. Freitagsgebet. Ich soll das in einer Stunde machen und vorher noch auf den Bazar gehen.
Ich lasse mich von ihm in einen Laden schubsen. Mohamed Hassan erklärt mir, ich sei ein „good friend“ und kriege Rabatt. Vor allem, weil ich allein komme. Normalerweise kriegen die Fahrer nämlich Provision, wenn sie Touris herschleppen. Was soll’s, ich habe Zeit, lasse mir Papyri, Öle und Schmuck zeigen.
Ein Tee wird aufgebrüht. Mit viel Zucker. Ich lasse mir das Bad zeigen. Dort geht das Licht nicht, ein Glück, es ist besser so. Irgendwie habe ich Lust, wie ein richtiger Tourist irgendwelchen Krempel zu kaufen. Einen Silberring und zwei Ketten. Wir feilschen rum und als wir uns auf 480 Pfund geeinigt haben, kommt der typische Ägyptischer-Businessman-Trick. Ich lege 500 Pfund hier und kriege statt Rückgeld einen Schlüsselanhänger, den ich eigentlich gar nicht brauche. Bei den Ölen ist es genauso. Trotz allem: 700 Pfund für drei Flaschen Öl, drei Schmuckstücke und einen Schlüsselanhänger war für Mohamed zwar das Geschäft der Woche, für mich aber trotzdem ein Schnäppchen. Der Tee war gratis.
Mohamed bringt mich vor die Tür, es ist längst dunkel. Aus Richtung Tahrir Square kommen junge Männer, die sich zu einer Demonstration zusammengefunden haben. Das Gleiche gab’s schon letzten Freitag. Die Revolution ist also noch lange nicht vorbei. Mir wird erzählt, dass die Leute auf der Straße kontinuierlich Druck auf die Übergangsregierung ausüben, so dass der Umbruch nicht im (Wüsten-) Sand versickert.
Mohamed ruft mir ein Taxi, erklärt dem Fahrer, wo ich hinwill und dealt gleich den Preis (1o Pfund). Auf dem Weg zum Hotel lasse ich mich einfach an einer belebten Straße rauswerfen, spaziere jenseits der Touristen eine der abends sehr belebten Straßen lang. Autos hupen, Taschen, Schuhe, Kleidung, Früchte werden verkauft. Ein paar Jugendliche sitzen in einer Bar, rauchen Shisha. Ich überlege kurz, mich dazuzugesellen, ziehe aber ein Pizza Restaurant vor.
Es ist ruhiger geworden in Kairo. Die Revolution ist jedoch immer noch da. Freitags ist ein guter Tag für Demonstrationen direkt nach dem gemeinsamen Gebet auf dem Tahrir Square. Die Menschen passen auf, dass der erwirkte Umsturz auch wirklich bis zu Ende durchgezogen wird. Sie wissen ganz genau, dass unendliche Gelassenheit eine ägyptische Eigenart ist. Und diese Gelassenheit gehört in den Alltag, nicht aber in die Politik.