Kampf um die Zeit der Stammleser

20. November 2014
  • Deutsche nutzen 111 Minuten pro Tag für das Internet
  • Davon werden 13,4 Minuten für das Lesen von Nachrichten verwendet
  • Die News-Angebote kämpfen nicht nur um Traffic sondern auch alle zusammen um diese 13,4 Minuten

Die Digitalisierung der Medien schlägt sich zum einen in der Nutzung selbst, zum anderen aber auch im Nutzungsverhalten der Leser nieder. Inzwischen werden bei der tagesaktuellen Berichterstattung tendenziell mehr digitale als gedruckte Medien genutzt – was die reine Anzahl angeht. Das führt im Digitalbereich zu einem stärkeren Wettbewerb der Anbieter als im Print.

In Deutschland werden laut ARD-ZDF-Online-Studie aus dem Jahr 2014 pro Tag 111 Minuten für den Internetkonsum aufgebracht, nur 23 Minuten für das Lesen von Zeitungen, sechs Minuten für Zeitschriften (Quelle). Aber im Internet wird nicht nur gelesen sondern auch gekauft, gechattet und gespielt.

Laut Media Activity Guide 2014 nutzten die befragten 14- bis 49-Jährigen im Durchschnitt jeden Tag 13,4 Minuten, um Artikel zu lesen, die Jüngeren nur 9,3 Minuten. 48 Prozent der PC-Nutzer informieren sich wenigstens einmal im Monat im Netz über das aktuelle Geschehen (Quelle). Bei den Smartphone-Nutzern sind es 34 Prozent, bei den Tablet-Surfern sogar 54 Prozent.

Fazit: Gedruckte Tageszeitungen buhlen um die täglichen 23 Minuten Nutzung, Online-Medien um 13,4 Minuten. Dazu kommt, dass der durchschnittliche Zeitungsleser vielleicht eine Zeitung abonniert hat und am Kiosk ab und zu weitere kauft. Online sieht das ganz anders aus.

Online-Zeit und Lese-Zeit

Verändertes Nutzungs- und Leseverhalten

Das Leseverhalten hat sich mit fortschreitender Digitalisierung der Medienwelt grundlegend verändert. Während man früher eine kleine Auswahl von Zeitungen und Magazinen abonniert hat und zusätzlich noch am Kiosk Einzelexemplare erworben und dann gelesen hat, wird der heutige Medienkonsum vor allem durch das Lesen einzelner Artikel dominiert. Das heißt, der Leser konsumiert überwiegend nicht nur eine Zeitung oder ein Magazin, sondern liest einzelne Beiträge verschiedener Angebote.

Zwar kommt ein ganz entscheidender Anteil des Traffics vieler namhaften Online-Nachrichtenangebote über die „Direkteingabe“, der Anteil von Social Media, Links und Suchmaschinen steigt allerdings. Das merke ich auch beim eigenen Nutzungsverhalten. Ich surfe zwar ein paar wenige Nachrichtenangebote regelmäßig direkt an, lese aber auch viel über empfohlene Beiträge meiner Freunde – und so geht es derzeit vielen. Das heißt, in der Summe konsumiert der Online-Leser viel mehr unterschiedliche Medienangebote – die Auswahl ist gefühlt größer.

Traffic Quellen
Grafik von Holger Schmidt, netzoekonom.de, zu finden beispielsweise in diesem Beitrag

 

Das Pendant zu den Abonnenten einer gedruckten Tageszeitung sind in der Onlinewelt die Stammleser, oftmals auch als Unique Users (eindeutige Nutzer) bezeichnet. Die Zeit, die man zur Verfügung hat, um auf einzelne Angebote regelmäßig, also täglich, zuzugreifen, sehr begrenzt. Von 83 Minuten Online-Zeit werden also 13,4 Minuten für Nachrichten verwendet. Die wiederum werden in das Lesen von empfohlenen Beiträgen (Links, soziale Netzwerke, Reader) und das Durchschauen der Lieblingsangebote (Scrollen der Startseite) aufgeteilt.

Begrenzte Zeit für Stammleser

Aber wie viel Zeit bleibt da noch? Wer möchte (und kann) ernsthaft auf die Links von Freunden zu Gunsten spezieller Angebote verzichten? Schon jetzt ist es so, dass der Markt nach Trafficgesichtspunkten relativ aufgeteilt ist. Nur BILD.de, SPIEGEL ONLINE und Focus Online erreichen mehr als 100 Millionen Visits monatlich (IVW Oktober 2014). Die Welt und n-tv.de kommen noch auf mehr als 50 Millionen Visits. Die restlichen Angebote sortieren sich dahinter.

Wer sich also zuverlässig im Netz informieren will, konsumiert vielleicht ein bis zwei Newsangebote täglich, für die anderen bleibt zumindest nicht für das tägliche Vorbeischauen genug Zeit. Wer außerdem lange soziale Netzwerke nutzt oder viele E-Mails bekommt, für den bleibt noch viel weniger Zeit.

Der Wettbewerb der informativen Online-Angebote wird also nicht nur durch den Kampf um Marktanteile beim Traffic bestimmt, sondern auch durch das Buhlen um wirkliche Stammleser oder Heavy User, also Menschen, die sagen: „Ja, ich lese XYZ.de und gucke mindestens einmal am Tag auf die Website.“ Die Frage, die sich dem anschließt ist: Wie oft müssen wir die Startseite eines Nachrichtenangebots aktualisieren? Und wie viele der Unique Users sind eigentlich diejenigen, die wenigstens einmal am Tag auf der Seite vorbeischauen? Und wie erreichen wir wirklich treue Stammleser – und nicht nur Unique Users.