Sind Algorithmen die bessere Redaktion?

18. August 2015
  • Redaktionen gewichten Nachrichten in abgeschlossenen Print-Tageszeitungen durch Größe und Platzierung nach Relevanz
  • Online-Medien stellen gefühlt unendlich Nachrichten zur Verfügung. Der Leser verliert schnell den Überblick
  • Viele Apps und soziale Netzwerke setzen Algorithmen ein, um den Nutzer nicht zu überfordern. Diese sorgen für eine Relevanz aus Nutzersicht, das heißt, der Content wird nach Wichtigkeit für den einzelnen Nutzer sortiert oder ausgewählt
Wie sähen "Welt" (links) und FAZ (rechts) aus, wenn sie nach einem Algorithmus von Facebook oder Prismatic gestaltet werden würden?

Wie sähen „Welt“ (links) und FAZ (rechts) aus, wenn sie nach einem Algorithmus von Facebook oder Prismatic gestaltet werden würden?

Es gibt nicht viele, aber einen ganz entscheidenden Vorteil von Print-Publikationen gegenüber dem so genannten Online: Sie sind meist ein abgeschlossenes Produkt mit Anfang, Ende und einem Redaktionsschluss.

Während ich bin einer Online-Nachrichtenseite oft menütlich neue Artikel lesen könnte, ist eine Tageszeitung endlich. Wenn ich sie ausgelesen habe, ist es vorbei.

Etliche Nachrichtenseiten haben sogar ein Pop-up, das mich darauf hinweist, dass es neue Artikel gibt. Bin ich interessiert, lädt die Startseite neu. Zwar ist der Artikel, den ich gerade lesen wollte, dann weg – aber hey, es gibt ja neue Artikel.

Bei Facebook und Twitter kann ich bis zur Unendlichkeit scrollen und bekommen immer wieder neuen Content. Bei über 500 Facebook-Freunden fällt es schwer, den Überblick zu behalten und alles Wichtige mitzukriegen.

Wir haben also auf der einen Seite die Sehnsucht nach einem kompakten Überblick über die Nachrichtenlage, wie wir sie aus dem Print kennen. Auf der anderen Seite wollen wir auf die Option zur ständigen Aktualisierung auch nicht verzichten.

Geben uns Algorithmen den Überblick zurück?

Bei wie erwähnt mehr als 500 Facebook-Freunden bin ich ehrlich gesagt über den so oft kritisierten Facebook-Algorithmus froh. Das „unheimliche“ Internetunternehmen aus Palo Alto weiß ganz genau, welche meiner Freunde wichtig sind.

Dabei ist das nicht einmal Hexenwerk. Logischerweise interessieren mich die Updates der Freunde, mit denen ich regelmäßig in Kontakt bin, mehr als die meiner Schulfreunde. Und: Was viele aus meinem Freundeskreis interessiert, interessiert mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mich.

Inzwischen experimentiert auch Twitter mit einem Algorithmus, der bei längerer Abwesenheit mir die wichtigsten der verpassten Tweets anzeigt. Das ist allerdings aus zweierlei Gründen unpassend.

  1. Ist die chronologische Reihenfolge von Status-Updates das Herzstück von Twitter.
  2. Kommt die Funktion ins Schleudern, wenn man Twitter mit mehreren Apps nutzt (wie ich)

Dennoch hat Twitter ebenfalls das Bedürfnis nach mehr Überblick und mehr Relevanz entdeckt.

Was kann ein Algorithmus besser als eine Redaktion?

Wo früher eine Redaktion die Themen einer Ausgabe vor allem durch Größe und Platzierung nach Relevanz gewichtet hat, übernehmen an einigen Stellen Algorithmen den Job.

Klar gibt es auch auf Online-Seiten eine Gewichtung, meist von oben nach unten und von groß nach klein. Allerdings weiß eine Online-Redaktion nicht, ob und wann ich auf der Seite bereits war, welche Artikel ich bereits gelesen habe.

Die Algorithmen bei Facebook, aber auch bei diversen Apps wissen das. Sie können mir außerdem die Ausgabe so zusammenstellen, dass ich die höchste Zufriedenheit beim Lesen haben, da alle Themen mich interessieren, da sie ja nach meinen Interessen zusammengestellt sind.

Focus Online hat eine App herausgebracht, die nach eigenen Angaben, die „sieben zentralen News des Tages“ anzeigt. „Ein speziell entwickelter Algorithmus berücksichtigt sowohl journalistische Kriterien als auch die Beliebtheit eines Artikels.“

Foto: Focus Online

Foto: Focus Online

Was kann eine Redaktion besser als ein Algorithmus?

Wer Apps wie Prismatic oft nutzt, stellt schnell fest, dass sich die mir angezeigten Artikel nur noch das gleiche Thema drehen. Dann landet man schnell in der so oft zitieren Filter Bubble.

Prismatic-Screenshot bei iTunes

Prismatic-Screenshot bei iTunes

Die Filterblase (englisch filter bubble) oder Informationsblase (englisch informational bubble) ist ein Begriff, der vom Internetaktivisten Eli Pariser in seinem gleichnamigen Buch geprägt wurde. Er beschreibt damit das Phänomen, dass Webseiten bestimmte Algorithmen verwenden, um vorauszusagen, welche Informationen für den Benutzer relevant sein könnten, basierend auf den verfügbaren Informationen über den Benutzer – beispielsweise Standort des Benutzers, Suchhistorie (englisch search history oder web history) und Klickverhalten.

Wikipedia

Lernenden Algorithmen führen dazu, dass wir bei intensiver Nutzung nur noch das bekommen, was wir oft klicken. Wenn ich mich beispielsweise für Politik nicht interessiere, Artikel dazu niemals anklicke oder sogar bei der App die Kategorie deaktiviere, verpasse ich möglicherweise den Rücktritt eines Ministers, von dem ich vielleicht trotzdem gern etwas erfahren hätte.

Eine Redaktion weiß im Zweifel besser, was ich lesen sollte – das nämlich ist das Erfolgsmodell von unter anderem der Tagesschau. Wie sähe die wohl aus, wenn die Beiträge nach Nutzerverhalten ausgewählt werden – 15 Minuten cat content?